Nicht jeder hat Kinder, aber jeder hat Eltern

Walter Scheel fordert in seinem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung die Politik auf, einen „für ganz Deutschland geltenden Lebensentwurf zu formulieren“. Bei allem Respekt, Herr Bundespräsident, diese Aussage hätte ich von einem liberalen Urgestein nicht erwartet.

Es ist richtig: Jeder sollte sich darauf verlassen können, im Alter mit Würde behandelt zu werden. Auch mir ist wie jedem die Vorstellung, mich von fremden Menschen waschen oder füttern zu lassen, erst einmal unangenehm. Da geht es jungen Abgeordneten nicht anders als älteren Bundespräsidenten. Aber welche andere Wahl haben wir, wenn wir – wie von Scheel zutreffend beschrieben – in einer immer älter werdenden Gesellschaft leben, in der sich der Einzelne eben nicht mehr immer auf familiäre Strukturen, die ihn auffangen, verlassen kann? Ein steigender Anteil von Höchstbetagten wird die Hilfe von Menschen, die zumindest anfangs Fremde sind, in Anspruch nehmen müssen. Das ist immer schwierig und erfordert von allen Beteiligten – von Pflegern und denjenigen, die auf Hilfe angewiesen sind – viel Fingerspitzengefühl. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich letztes Jahr bei einem Pflege-Praktikum erstmals einen mir bis dahin völlig fremden älteren Mann rasiert habe. Erst ist es ein komisches Gefühl, aber es entsteht auch eine Form von Vertrautheit, bei der im ersten Moment unklar ist, ob sie angenehm oder eher unangenehm daher kommt.

“Schwierigkeiten pauschal dem System anzulasten ist zu kurz gesprungen

Diese Umstellung ist umso größer, wenn man, wie der Alt-Bundespräsident, sein gesamtes bisheriges Leben selbständig gemeistert hat. Diese Schwierigkeiten aber pauschal dem System oder den Pflegekräften anzulasten, ist viel zu kurz gesprungen und wird dem Thema nicht gerecht.

Es geht eben nicht um den einen Lebensentwurf für alle, den die Politik überstülpend formulieren könnte oder sollte. Vielfalt gehört zum Alter wie zum Leben generell. Individuelle Bedürfnisse wie Essen, Trinken, das Gefühl von Geborgenheit und Nähe – also das, was Würde ausmacht – werden in allen Altersstufen und Lebenslagen vielfältig definiert und lassen sich nicht allgemeingültig formulieren oder oktroyieren.

“Wer wollte behaupten, es sei einfach, auf einmal die eigene Mutter zu füttern oder dem Vater die Windeln zu wechseln?

Die Herausforderung ist eine andere: Schwerst Pflegebedürftige oder Demenzkranke sind oftmals ähnlich hilfebedürfig  wie Kleinkinder, der Mensch ist nie wieder so schutzlos wie als Baby oder im höchsten Alter. Frischgebackene Eltern müssen lernen, mit einem Neugeborenen umzugehen, seine Bedürfnisse zu erkennen und darüber die eigenen nicht zu vergessen. Das geschieht in den allermeisten Fällen sehr würdevoll und zum Nutzen des Kindes. Sind Menschen am Ende ihres Lebens hilfsbedürftig, kehrt sich dieses Verhältnis um – Kinder müssen für ihre Eltern sorgen, ihre Bedürfnisse erkennen und darüber die eigenen nicht vergessen. Wer wollte behaupten, es sei einfach, auf einmal die eigene Mutter zu füttern oder dem Vater die Windeln zu wechseln? Unterhalten sich Eltern und Kinder eigentlich über solche Aspekte des Lebens, bevor sie eintreten? Über ihre individuellen Wünsche, Erwartungen, Befürchtungen? Oder verdrängen wir diese Fragen nicht viel zu oft?

“Es gibt keine einfachen Lösungen”

Ohne Zweifel muss diese Gesellschaft und jede einzelne Familie viel mehr darüber sprechen, wie wir uns das Zusammenleben in einer alternden Gesellschaft vorstellen – und zwar ohne Schuldzuweisungen, ohne Pauschalkritik und ohne einfache Lösungen. Denn die gibt es nicht.

Seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 ist in Deutschland eine enorme Infrastruktur entstanden, um Pflegebedürftige und ihre Angehörigen zu unterstützen, die Ausbildung der Pflegekräfte hat sich stark verbessert und das Bewusstsein für diese gesellschaftliche Herausforderung ist gestärkt worden. Aber es ist auch noch sehr viel zu tun.

„Nicht jeder hat Kinder, aber jeder hat Eltern” – und so wird sich jeder früher oder spät konkret seiner individuellen Verantwortung stellen müssen. Das ist schwer, aber gut so. Denn die eine einfache Lösung in einer zutiefst menschlichen Grenzsituation, die gibt es nicht. Nicht einmal für Alt-Bundespräsidenten.

6 Gedanken zu “Nicht jeder hat Kinder, aber jeder hat Eltern

  1. „Nicht jeder hat Kinder, aber jeder hat Eltern”
    völlig richtig.

    Nur sind viele der “kinderlosen”, die ich kenne, gewollt kinderlos, um sich “selbst zu verwirklichen”, “unabhängig zu sein”, oder oder oder.
    In Wahrheit steckt hinter der bewussten Entscheidung zur Kinderlosigkeit viel Egoismus.

    Ich frage mich, wo dieser Egoismus Konsequenzen hat.
    Sicherlich bereuen Kinderlose diesen Zustand früher oder später.

    Die finanziellen Lasten ihrer Daseinsfürsorge kippen sie jedoch beim Rest der Gesellschaft ab. Sie unterbrechen den Kreislauf des Lebens und damit auch den Kreislauf des Wirtschaftens.

    Für eines von beidem, Heranwachsen&Ausbildung oder Alter&Ruhestand, “zahlen” bei Kinderlosen Andere.
    Das ist schreiend ungerecht, und mit einem Viertel Pünktchen bei der Pflegeversicherung nicht zu kompensieren.

    Es ist an der Zeit die finanzielle Bevorzugung von Kinderlosigkeit in D zu beenden.

  2. @Michael Principato: Nicht alle kinderlosen Paare verzichten freiwillig oder gar aus purem Egoismus auf eigene Kinder. Allein in Deutschland sind etwa zwei Millionen Paare* von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen. Keiner von diesen Menschen “kippt die finanziellen Lasten seiner Daseinsfürsorge auf die Gesellschaft ab” – Forderungen nach einer diese vermeintliche “Freifahrt” ausgleichenden Sonderbesteuerung sind daher unangebracht und lassen den Geist des christlichen Menschenbildes vermissen.

    * siehe hierzu etwa: Braehler E, Stöbel-Richter Y, Glander HJ. Zur Epidemiologie gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit in Ost- und Westdeutschland. Reproduktionsmedizin 2001; 17: 157–62.

  3. das ist eine voellig einseitige Aussage. viele, die sich gegen Kinder entscheiden, gehen den Weg der Karriere und zahlen hierdurch ( Mann u. Frau) einen hohen Teil von Lohnsteuer. Gibt es die zurueck. Weiterhin vertrete ich die Auffassung. das Kinder erst herangezogen werden koennen und sollten, wenn sie wirklich einen Beitrag zur Rente leisten. Wie viele Kinder muessen von Kinderlosen unterhalten werden, die niemals berufstaetig sein werden?

  4. Alle die, die fordern das Kinderlose mehr zahlen sollen, stellen eine Forderung auf die nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar ist.

    Unsere Gesellschaft ist eine freiheitliche, wo jeder und jede sein Leben so gestalten kann, wie er oder sie es für richtig halten. Somit kann es nicht angehen, dass durch eine Hintertür, hier der demographische Wandel, dieser Grundsatz der Freiheit eingeschränkt wird.

    Auch heute schon sind Familien mit Kinder steuerlich besser gestellt als allein lebende Männer oder Frauen. Zudem bekommen
    Frauen für jedes Kind für die Rente Erziehungszeiten angerechnet.
    Somit sind Familien nicht grundsätzlich benachteiligt.

    Es gibt aber ein Priveleg, dass durch aus abgeschafft werden könnte das sogeannte Ehegattensplitting. Denn wer heiratet soll seine Frau aus Liebe heiraten, nicht wegen der steuerersparnis.

    Kinder bekommen die Leute dann wenn sie eine sichere Zukunft haben. Vor allem aber einen sicheren Job. Ich finde es ist nachvollziehbar, dass Menschen heute mit dem Kinderwunsch vorsichtiger sind, denn Zeitverträge und teilweise zu wenig Lohn lassen eine Familie schnell in SGB II abrutschen.

    Wenn also die CDU was für Familien tun will, sind Reformen am
    Arbeitsmarkt notwendig, die zu sichern und gut bezahlten Jobs führen.

    Äußerungen wie Kinderlose sollen mehr zahlen, lenkt vor allem vom familienpolitischen disaster der letzten 20 Jahre ab.

    Sowas ist Billig und bringt unser Land nicht weiter!

  5. Hallo,
    ich bin eigentlich eher durch Zufall auf Ihre Seite gekommen. Nachdem ich mich ein wenig durchgelesen habe, muss ich sagen Ihre Seite gefällt mir sehr. Ich werde in Zukunft öfters mal vorbei schauen!

    Viele Grüße aus Sinsheim

  6. Kinderlose gewollt oder ungewollt müssen auch für die Kinder der Anderen zbSpl.für höhere Steuern aufkommen, oder sie sind mit höheren Pflegesätzen dabei. Das ungewollte Kinderlose, sich für eine Elternschaft von adoptierten Kindern ein Elternglück holen können ist doch schon oft bewiesen. Also gibt es keine Ausrede von wegen ich wollte doch Kinder

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