Einfach nur mehr Geld ist keine tragfähige Lösung

Das deutsche Gesundheitswesen steht derzeit finanziell auf einer sehr soliden Basis. Das ist eine gute Nachricht – jedoch weckt sie Begehrlichkeiten auf allen Seiten. Nach Abschaffung der Praxisgebühr, mit der schon zwei Milliarden Euro pro Jahr fehlen, fordern derzeit alle, ob Ärzte, Apotheker, Pharmaindustrie, Krankenhäuser oder auch Patientenverbände aktuell mehr Geld. So aber würden die bescheidenen Rücklagen, die wir derzeit haben, Stück für Stück abgeschmolzen, anstatt für schlechtere Zeiten vorzusorgen. Denn die kommen sicher. Es wäre doch nicht schlecht, endlich mal eine Legislaturperiode ohne neue Einspargesetze beginnen zu können.

Im Mittelpunkt dieser Diskussion stehen derzeit die Krankenhäuser und ihre finanzielle Situation. Da es gerade bei der Versorgung im Krankenhaus immer um ein emotionales Thema geht, wird hier leider oft nur in Überschriften diskutiert – und es ertönt der so leichte wie simple Ruf nach mehr Geld. Es ist aber keine tragfähige Lösung, einfach immer nur mehr Geld ins System zu geben. Bisher gab es noch jedes Jahr mehr Geld für die Krankenhäuser, allein in 2012 waren es etwa 2,5 Milliarden Euro mehr als noch 2011 – aber immer heißt es, es reiche nicht. Dabei können einzelne Forderungen durchaus berechtigt sein – aber emotional geführte und inhaltlich oft verkürzte Diskussionen führen nicht weiter.

Krankenhäuser stehen vor großen Herausforderungen

Richtig ist, dass die deutschen Krankenhäuser vor einer Reihe von Herausforderungen stehen, die das System insgesamt, aber auch jeden einzelnen Geschäftsführer eines Hauses vor Ort fordern. Zum ersten macht sich die demographische Entwicklung in den Krankenhausfluren deutlich bemerkbar, das Durchschnittsalter der Patienten steigt ständig, viele kommen neben ihres akuten Problemes mit einer Reihe von weiteren chronischen Erkrankungen, die ja auch berücksichtigt werden müssen, in die Häuser. Und auch der medizinische Fortschritt ermöglicht gerade für diese Patienten Chancen, die noch vor Jahren undenkbar waren.

Parallel sorgen in den letzten Jahren Tarifabschlüsse, die deutlich über denen der Vorjahre liegen, für stark steigende Personalkosten bei den Ärzten wie in der Pflege. Bei einem Personalkostenanteil von 60 bis 70 %, der bei einem personal- und dienstleistungsintensivem Bereich wie der Sorge um kranke Menschen notwendig ist, hält das ohne entsprechend steigende Erlöse auf Dauer kein Krankenhaus durch, egal wie gut geführt. Hinzu kommen ein ansteigender Mangel an Fachkräften und die Notwendigkeit, Abläufe, Hierarchien und Dienstpläne in den Krankenhäusern einer nachwachsenden jungen Generation von Medizinern und vor allem Medizinerinnen und ihren Erwartungen entsprechend anzupassen.

Hinzu kommt, dass die Länder ihrer Verpflichtung, die Investitionskosten für die Krankenhäuser zu finanzieren, sehr unzureichend nachkommen – wenn auch in unterschiedlichem Maße. Dies zwingt die Häuser über die beschriebenen Kostensteigerungen hinaus, notwendige Investitionen zum Teil auch aus den laufenden GKV-Erlösen zu finanzieren, obgleich diese nie dafür gedacht waren. Dies führt nicht selten in ein Hamsterrad, in dem die Krankenhäuser gezwungen sind, immer und immer mehr Leistungen und Operationen zu erbringen, um ihre Einnahmen zu erhöhen – leider nicht selten zu Lasten der Patienten, die unnötig an Knie, Hüfte oder Herz operiert werden.

Gießkannenprinzip festigt Strukturen, die aufgebrochen gehören

Dies alles macht deutlich: Es gibt keine einfache Lösung. Einfach nur mehr Geld ins System ist keine tragfähige Antwort. Zumal das Verteilen von zusätzlichen Mitteln mit der Gießkanne über alle Krankenhäuser wenig zielführend ist, kann es doch auch Strukturen festigen, die eigentlich aufgebrochen gehören. Die wirtschaftliche Situation der Krankenhäuser ist zudem sehr unterschiedlich. Viele Krankenhäuser machen noch immer Gewinne, andere, die zur Sicherstellung der Versorgung benötigt werden und daher die angebotenen Leistungen mit erhöhten Vorhaltekosten erbringen müssen, kommen dagegen nicht mal mehr ansatzweise über die Runden. Ich kenne selbst Krankenhäuser mit vergleichbarer Größe und Angebot und in räumlicher Nähe zueinander, von denen das eine Gewinne macht und das andere Verluste. Das kann nicht nur an der Höhe der Vergütung für eine Blinddarm-OP liegen.

Überkapazitäten verhindern sinnvolle Verteilung

Noch immer bestehen in Deutschland Überkapazitäten bei den Krankenhäusern. Und wenn wir das gleiche Geld auf weniger Krankenhäuser oder Abteilungen verteilen könnten, wäre für das einzelne Krankenhaus auch genug Geld vorhanden. Das gilt übrigens auch für die begrenzte Zahl an Ärzten und Pflegern. Kleinere Häuser sind auf Dauer allein nicht lebensfähig. Diese müssen nicht alle geschlossen werden, aber man muss Verbünde organisieren, Verwaltungen zusammenlegen und Angebote untereinander koordinieren. Nicht jede Klinik einer Region muss alles machen: eine Klinik konzentriert sich auf die innere Medizin, eine andere auf die Orthopädie. Hier passiert überall in Deutschland schon viel, aber insgesamt noch immer zu wenig.

So bleibt mittel- und langfristig aus meiner Sicht kein anderer Weg, als dass wir in der nächsten Legislaturperiode mal grundsätzlich zwischen Bund und den Ländern über die Zukunft der Krankenhausversorgung in Deutschland reden, über finanzielle Verantwortlichkeiten, Versorgungs- und strukturelle Fragen bis hin zum Fachkräftemangel. Es ist evident, dass es so, wie es ist, jedenfalls nicht bleiben kann. Und dass Bund und Land sich jeweils gegenseitig die Schuld für die Misere zuschieben, mag uns in unserer politischen Käseglocke Freude machen, letztlich wird diese Frage aber auf dem Rücken der vielen Tausend Beschäftigten, der Ärzte, Pfleger und auch wirtschaftlich Verantwortlichen ausgetragen.

Transparente Bonizahlungen

Daneben bleibt die Frage, ob wir im Jahr 2013 angesichts hoher Tarifforderungen kurzfristig finanzielle Entlastung bieten können. Für uns steht dabei fest, dass eine solche Entlastung nur denkbar ist, wenn wir gleichzeitig auch die beschriebene Mengenentwicklung – ein Drittel der steigenden Operationszahlen sind selbst laut Deutscher Krankenhausgesellschaft nicht durch das Älterwerden der Gesellschaft zu erklären – angegangen wird. Dazu gehört übrigens neben anderen Regelungen auch, dass öffentlich gemacht wird, wenn (Chef-)Ärzte in einem Haus Bonuszahlungen für eine besonders große Zahl von OPs bekommen. Der Patient soll sehen können, ob im jeweiligen Haus Ärzte auch nach der Zahl der Hüft- oder Knie-OPs bezahlt werden und ob er damit rechnen muss, nicht nur aus medizinischen Gründen operiert zu werden.

Mehr Beschäftigte statt höherer Gehälter

Ärzte wie Pflegekräfte leiden in den Krankenhäusern unter einer hohen und stetig zunehmenden Arbeitsverdichtung. Der Einzelne muss sich um immer mehr Patienten kümmern, die auch immer älter werden und somit immer mehr Aufmerksamkeit brauchen. Wenn Sie eine Krankenschwester fragen, ob sie mehr Geld will oder mehr Kollegen, dann antwortet sie meist: Mehr Kollegen. Und es macht sich bei vielen Beschäftigten im Krankenhaus ungeahnter Frust breit. Das muss uns in der Gesundheitspolitik sorgen, denn eine gute Versorgung geht nur mit motivierten und leistungsbereiten Menschen – und nicht ohne oder gar gegen sie.

Daher werben wir sehr dafür, die Debatten nicht mit der platten Forderung nach mehr Geld zu beenden, sondern sie grundsätzlich zu führen. Neben möglichen kurzfristigen Entlastungen muss es auch um die langfristige Struktur der stationären Versorgung in Deutschland gehen. Denn sie ist im Zusammenspiel mit den niedergelassenen Ärzten das Rückgrat unseres Gesundheitssystems.

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