Ohne Maß

30 Millionen Euro Rückstellungen für die Altersvorsorge. Für eine einzige Person. Und das ist kein Einzelfall, sondern die Größenordnung, in der Großkonzerne sich verpflichtet haben, für ihre Vorstände zu sorgen, wenn diese einmal alt sind. Top-Manager der DAX-Konzerne verdienen mittlerweile viele Millionen Euro im Jahr – und sie seien ihnen gegönnt. Aber warum es dann noch eine so feudale garantierte Altersversorgung braucht, ist mir schleierhaft.

Denn das Problem reicht ja weiter: Die New York Times schrieb am Freitag über die Krise des Vertrauens in die globale Elite. Das Ansehen und Vertrauen, dass Bankvorstände und Konzernchefs über Jahrzehnte genossen, ist schon lange hin. Meldeten sie sich in den 70ern oder 80ern zu Wort, hörte Deutschland hin. Das war die anerkannte Stimme der Wirtschaft. Finanzkrise und immer neue Gehaltsrekorde aber haben viele Bürger schon lange fragen lassen, ob das Leben “von denen da” überhaupt noch was mit dem ihren zu tun hat. Fast 70 Prozent der Deutschen haben keine Kreditkarte, 60 Prozent sind in den letzten zwei Jahren nicht einmal geflogen. Wir alle müssen uns jeden Tag fragen, ob wir noch wissen, wie der Alltag eines großen Teils der Menschen im Land ausschaut. Viel zu viele Menschen vertrauen uns nicht mehr, aber sie trauen uns alles zu. Und nun also Rückstellungen für Konzernvorstände, die das 250fache der Betriebsrente für Arbeiter und Angestellte ausmachen. Es waren nicht zuletzt diese Vorstände und ihre Verbände, die in den letzten Monaten zu Recht massiv gegen die Rente mit 63 oder die Mütterrente argumentierten und seit Jahren die private Vorsorge propagieren. So wie die jüngsten Rentenentscheidungen Milliarden Euro binden, die besser in die Zukunft investiert worden wären, können die Milliarden, die für die Altersversorgung von Managern gebraucht werden, nicht in die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen investiert werden. Wie glaubwürdig ist das Lamentieren über politische Entscheidungen, wenn man selbst so sehr im gemachten Nest sitzt?

Und da liegt das Problem. Wenn die wirtschaftliche Elite im Land ihre Glaubwürdigkeit verspielt, indem sie Wasser predigt, aber Champagner aus Jumbo-Flaschen trinkt, fällt eine wichtige Stimme im öffentlichen Diskurs aus. Wir mussten uns als Politiker zu Recht fragen lassen, welche Verantwortung wir selbst am Erfolg der Populisten am rechten und linken Rand bei den letzten Landtagswahlen tragen. Aber sind nicht auch 4,8 Milliarden Euro Rückstellungen für die Altersvorsorge auch ansonsten nicht unterbezahlter Unternehmenslenker nicht ein Teil des Puzzles? Das Gefühl von Ungerechtigkeit entsteht im Alltag, angesichts solcher Meldungen. Vor dem Hintergrund, dass die betriebliche Altersvorsorge für Angestellte und Arbeiter in den vergangenen Jahren kontinuierlich reduziert wurde, schmeckt die Pille doppelt bitter. Kann jemand, der mehrere Millionen im Jahr verdient, nicht selbst für sein Alter vorsorgen? Von einer Familie, in der beide Elternteile arbeiten, um über die Runden zu kommen, erwarten wir das auch.

Wir können stolz sein auf die Soziale Marktwirtschaft. Unser Wirtschaftsmodell hat uns einen Wohlstand beschert, von dem unsere Eltern und Großeltern nicht zu träumen wagten. Aber dazu gehörte eben auch immer der Grundsatz von Ludwig Erhardt: „Maß halten“. Mittelstand und Handwerk kennen und leben diesen Grundsatz noch heute, Familienunternehmen haben aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus meist noch das richtige Gespür für Maß und Mitte. Aber das gilt leider zu selten für die angestellten Manager großer Konzerne.

Wir als Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft haben eine gemeinsame Verantwortung für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Unsere wichtigste Währung dabei ist Glaubwürdigkeit; Reden und Handeln müssen zusammenpassen. Es ist mühsam, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Aber es ist bitter nötig.

2 Gedanken zu “Ohne Maß

  1. Sehr geehrter Herr Spahn,
    Sie werfen Politikern aus anderen Richtungen gerne Populismus vor. Sollten Sie nicht besser vor der eigenen Haustüre kehren? Jahr für Jahr beziehen Sie hohe Diäten. Kein Mensch kann Sie für politische Fehlentscheidungen haftbar machen. Manager werden, wenn auch eher noch selten, für Ihr Handeln gerichtlich belangt.
    Nun, vielleicht werden Sie nicht direkt wieder gewählt. Na dann lassen Sie sich einfach über´n Listenplatz aufstellen. Geht es Ihnen nicht eben so gut, wenn nicht noch besser wie den Top-Managern, die Sie hier “populistisch” auf´s Korn nehmen? Vielleicht erinnern Sie sich, dass die Landtagsabgeordneten in NRW vor einigen Jahren ihre Altersversorgung doch nur zusammen mit einer entsprechenden Diätenerhöhung beschlossen hatten. Man darf ja mal fragen, ob es Ihnen nicht auch zuzumuten gewesen wäre, für Ihre Altersversorgung selbst zu sorgen, auch wenn Sie auch keine Million Euro p.A. haben.
    So gesehen wirkt Ihr Schlussabsatz schon beinahe zynisch. Ich zitiere Sie: “Wir als Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft haben eine gemeinsame Verantwortung für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Unsere wichtigste Währung dabei ist Glaubwürdigkeit; Reden und Handeln müssen zusammenpassen. Es ist mühsam, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Aber es ist bitter nötig.”
    Sie und eine Reihe Ihrer Kollegen sind längst dabei weiter an Vertrauen zu verlieren. Also, Sie brauchen sich ja nur den Verlauf der Wahlbeteiligungen der letzten Jahre anschauen.
    Wie heißt es doch?: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

    Mit besten Grüßen

  2. Sehr geehrter Herr Spahn,

    alle sprechen über Alterspyramide, Altersarmut, die Rente als nicht sicher, neuerdings auch die Kanzlerin. Alle wissen, dass das Umlageprinzip so nicht funktionieren wird, ich mache mir große Sorgen nicht nur um meine drei Kinder, die trotz Studiums keinen Job bekommen und keine Vorsorge betreiben können. Da ich mit 56 trotz Studiums auch keinen Job bekomme, bin ich selbst von Altersarmut betroffen und kann sie nicht unterstützen.
    Ich bitte Sie mit allem Nachdruck, die Diskussion anzufachen, DASS ENDLICH ALLE IN DIE RENTENKASSE EINZAHLEN UND DIE REGIERUNG SICH DARAUS NICHT MEHR GROSSZÜGIG BEDIENT!
    Das ist ein langer Weg bis zur Umsetzung, aber der einzige, bitte tun Sie den ersten Schritt!
    Freundliche Grüße
    Ute Meneses, Dresden

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